Innere Personen

Die Tiefenpsychologie der Teile und des Ganzen

Die Entdeckung, dass die Psyche aus unterschiedlichen Anteilen besteht, ist nicht neu. Schon Sigmund Freud, C. G. Jung und Roberto Assagioli hatten die Vorstellung, dass diese verschiedenen Anteile der Psyche sich gegenseitig beeinflussen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich im großen Feld der sogenannten Teile-Psychologie unterschiedliche Richtungen herausgebildet. Eine davon ist die IndividualSystemik.

Das Besondere an der IndividualSystemik ist, dass sie den systemischen Aufbau der Psyche sichtbar macht und erstmals eine Methode beschreibt, wie wir sie systematisch von der Oberfläche bis in ihre Tiefe untersuchen können. Die IndividualSystemik ist die erste tiefenpsychologische Teile-Arbeit.

Die natürliche Ordnung der Psyche

In unserer Psyche ringen die Inneren Personen miteinander – um ihren eigenen Lebensraum und um das Überleben des ganzen Organismus. Je nach Fähigkeit und Durchsetzungskraft der einzelnen und als Antwort auf die Anforderungen im Außen nimmt jeder Teil seinen entsprechenden Platz ein. So entsteht aus dem Ringen der Willenskräfte eine natürliche Ordnung – ein „organisch gewachsenes System“. Das alles geschieht ohne unser Zutun und ohne unser Wissen, es entwickelt sich von selbst. Es ist sozusagen ein „Naturereignis“.

Die Oberfläche und die Tiefe der Psyche

Das Grundprinzip im Aufbau der Psyche ist, dass sie sich in eine meist „akzeptable“ Oberfläche und in eine verborgene, geschützte Tiefe unterteilt.

Ganz vorn in unserem inneren System leben die Inneren Personen, die am besten dazu in der Lage sind, mit der Welt umzugehen. Sie pflegen den direkten Kontakt mit den Menschen. Sie dienen dem Ganzen, ihre Mission ist der Schutz aller, die hinter ihnen stehen.

Weiter hinten in zweiter und dritter Reihe befinden sich diejenigen Inneren Personen, die in Erscheinung treten, wenn es etwas unsicherer wird. Sie sind meist machtvoller und sorgen für Abstand und Kontrolle. Wenn keine Gefahr droht, halten sie sich still im Hintergrund und beobachten das Geschehen aus sicherem Abstand.

Ganz in den Hintergrund – in den „Geheimen Raum“ – haben sich die Inneren Personen zurückgezogen, die nichts mehr mit der Welt zu tun haben wollen. Sie wollen unbemerkt bleiben und ihre Ruhe haben. Sie haben den stärksten Willen und tragen meist unverdaute archaische Themen von Verlust und Scheitern (siehe „Die Geheimen Machtseiten“).

Und dann gibt es noch die Exilbewohner, die von anderen zurückgedrängt wurden. Sie sollen sich nicht einmischen, weil sie den inneren Ablauf stören würden. Sie fristen ein stilles, isoliertes Dasein in den Tiefen unserer Innenwelt und sind dort gleichzeitig geschützt und behütet.

Dialog mit Inneren Personen

Wir können die einzelnen Inneren Personen treffen. Wenn wir einem Menschen gegenüberstehen begegnen wir zunächst der Inneren Person, die im alltäglichen Leben am meisten sichtbar ist. Um sie näher kennenzulernen, sprechen wir sie direkt an. Dabei hören wir nicht nur auf das, was sie sagt, sondern auch wie sie es sagt: Wir beziehen uns auch auf die non-verbale Kommunikation. Wir nehmen wahr, welche Körperhaltung sie hat, in welcher Stimmung sie ist und welche Ausstrahlung sie hat. Dabei imitieren wir sie nicht, sondern verbinden uns mit einer ähnlichen Qualität in uns. Wir bekommen eigene Impulse, die wir in die Begegnung einbringen und somit das gemeinsame Erleben intensivieren. 

Oberfläche und Tiefe einer Inneren Person

So wie unser ganzes inneres System verschiedene Ebenen hat, bestehen auch die Inneren Personen aus einer Oberfläche und einer Tiefe. Selbst wenn eine Innere Person zunächst ganz umgänglich ist weiß man noch nicht, was sich in ihrer Tiefe verbirgt. Wir lernen sie Schicht für Schicht kennen, bis wir wirklich wissen, wer sie ist. Ganz in ihrer Tiefe ist sie verbunden mit ihrer ursprünglichen Art, ihrer „Essenz“. Hier sind alle Inneren Personen einzigartig und haben wieder Lust, sich am Leben zu beteiligen und sich auf ihre ganz eigene Art einzubringen.

Die Geheimen Machtseiten

Überhaupt nicht erfreut, wenn wir an ihre Tür klopfen und in Kontakt treten wollen sind die Geheimen Machtseiten. Sie haben sich aus dem Kontakt mit Menschen und dem Geschehen in der Welt zurückgezogen. Sie wollen unsichtbar in der Tiefe des Systems bleiben und von dort aus ihren Einfluss geltend machen. Sie kennen alle Kniffe und Tricks, um zu verhindern, dass man ihnen auf die Pelle rückt.

Leider sind diese Schwergewichte in unserem Inneren diejenigen, die unsere Entwicklung verhindern. Sie wollen nicht, dass wir ins Leben gehen, uns verletzlich machen und das Risiko eingehen, wieder zu scheitern. Sie stehen beharrlich auf der Bremse und sorgen aus dem Hintergrund dafür, dass alles beim Alten bleibt. 

Genauso stur wie sie müssen wir versuchen, ihnen näher zu treten. Mit allen kreativen Möglichkeiten, die uns einfallen: ihnen signalisieren „ich sehe dich“, ihnen nachgehen und sie belagern. Je mehr Bewusstsein wir in diese tiefen Willenskräfte bringen, je mehr wir über sie wissen, umso besser können wir sie als einen Teil von uns anerkennen und Verantwortung für die negativen Auswirkungen übernehmen, die von ihnen ausgehen. Es ist nicht leicht, an diesen Stellen im Leben bewusst zu bleiben, denn die Geheimen Machtseiten wollen sich gerne wieder hinter ihrem Gutmenschentum tarnen und ihre Lösungen weiter heimlich praktizieren.

Die Auseinandersetzung mit diesen tiefen Kräften kann man nicht allein bestehen. Zu stark ist der Entschluss dieser Anteile, draußen bleiben zu wollen, und zu sehr sind wir als ganzer Mensch unbewusst mit ihnen identifiziert. Sie verbergen sich auch vor uns selbst. Wir brauchen andere Menschen, die uns auf sie aufmerksam machen.

Das Ringen mit den Geheimen Machtseiten ist ein großes Projekt – manchmal ein Lebensprojekt. Es erfordert viel Einsatz. Es ist aber auch befriedigend, sich dieser inneren Realität zu stellen. Wir sind näher an uns selbst dran und lernen, verantwortlich mit unseren Haltungen im Leben umzugehen.